Manche Bücher liest du und nickst freundlich. Und manche Bücher liest du und denkst: Genau das. Genau das versuche ich seit Jahren in Worte zu fassen.

Nele Hirschs „Lerngestaltung Weiterdenken“ gehört für mich in die zweite Kategorie. So sehr, dass ich es für den Podcast „Leseoptimistin“ von Angela Hamatschek mitgenommen habe — und wir es gemeinsam mit Katrin Zinke zu dritt besprochen haben. Drei Frauen, drei Perspektiven, ein Buch, das uns alle drei an unterschiedlichen Stellen erwischt hat.

Besonders spannend ist für mich das Fundament, die drei Überthemen, die das Buch wie ein roter Faden durchziehen: Lernfreude, Offenheit und Kollaboration. Ohne sie wird aus Lernen kein Abenteuer, sondern nur ein Programmpunkt.

Lernfreude — der unterschätzte Motor

Warum fangen wir mit Lernfreude an? Weil sie das Fundament ist, auf dem alles andere steht. Und weil sie gerade jetzt wichtiger wird als je zuvor.

Wir leben in einer Zeit, in der KI in Sekunden übersetzt, was wir jahrelang gelernt haben. In der das Wissen von gestern morgen schon überholt sein kann. In der Veränderungskompetenz mehr zählt als Allgemeinwissen. In dieser Welt ist die entscheidende Frage nicht mehr: Wie viel weißt du? Sondern: Wie sehr willst du herausfinden?

Und genau hier kommt Lernfreude ins Spiel — aber nicht als das, was viele darunter verstehen. Lernfreude ist kein Spaßprogramm. Sie ist nicht bunte Moderationskarten und Musikuntermalung. Hirsch formuliert es so: Lernfreude entsteht dort, wo sich Menschen mit Ernsthaftigkeit einer Herausforderung widmen, etwas erreichen wollen und sich dabei weiterentwickeln.

Katrin hat im Gespräch den Satz herausgegriffen, der mich auch sofort erwischt hat: Ein Bildungssystem, das auf Konkurrenz, Ausgrenzung und Entmutigung basiert, wird kaum zu einer solidarischen Gesellschaft führen. Das ist keine pädagogische Nettigkeit. Das ist eine politische Haltung. Und sie zieht sich durch das gesamte Buch. Denn er macht deutlich: Lernfreude ist keine pädagogische Nettigkeit. Sie ist eine politische Haltung.

Das Kapitel „Für Konfetti und Glitzerstaub sorgen“ macht genau das greifbar. Hirsch spricht von kleinen, bewussten Gesten der Wertschätzung — handgezeichneten Präsentationen statt KI-generierten Bildern, kleinen Mitgebseln, guten Pausen. Und sie beschreibt ihre eigene Gewohnheit: Nach dem Konzipieren eines Lernangebots schaut sie nochmal drüber und fragt sich, wo sie irgendwo einen Moment Glitzerstaub einstreuen kann. Das klingt verspielt. Es ist in Wahrheit radikal — weil es bedeutet, dass Lernen sich gut anfühlen darf. Soll. Muss.

Wenn Lernfreude das Fundament ist, dann braucht sie Raum, um sich zu entfalten. Und dieser Raum heißt: Offenheit.

 

Offenheit — lernseitig denken, nicht lehrseitig

Wir alle kennen die Versuchung: Du bereitest ein Lernangebot vor, du weißt, was dabei auskommen soll, und du gestaltest alles so, dass es möglichst genau dahin führt. Sicher. Kontrolliert. Vorhersehbar.

Und genau das ist das Problem.

Angela hat im Gespräch ein Bild aus dem Buch aufgegriffen, das mich sofort zum Schmunzeln gebracht hat: die Zementmischer-Variante und die Komposterden-Variante. Die erste steht für das Einzementieren des Bestehenden — Verbote, Abschottung, bloß nichts verändern. Die zweite ist das, was ich mir wünsche: nicht die alte Erde auf den Müll schmeißen, sondern fragen, was sich daraus machen lässt. Kompost ist nicht Wegwerfen. Kompost ist Verwandlung.

In einer Welt, die sich schneller verändert als jeder Lehrplan mithalten kann, ist Vorhersehbarkeit keine Tugend mehr. Was wir brauchen, sind Menschen, die mit Unsicherheit umgehen können, die Fragen stellen, die keine fertigen Antworten haben — die neugierig bleiben, auch wenn es unbequem wird. Diese Kompetenz wächst nicht in einem Setting, in dem das Ergebnis von vornherein feststeht.

Hirsch bringt hier das Bild der Treppe und des Adlers: Lernseitig denken bedeutet, nicht einfach eine Treppe hinzustellen und zu erwarten, dass alle hochsteigen — sondern zu fragen, wer vielleicht fliegen kann. Es bedeutet, Lernangebote so zu gestalten, dass echtes Erkunden möglich ist. Und das heißt: auch für Lehrende wird das Ergebnis offen.

Das Kapitel „Entwicklung von Fragen begleiten“ zeigt, wie das konkret aussehen kann. Da ist Fiona, eine Grundschülerin, die nach einem Ausflug in den Wald über den Regenwald schreiben will — und auf Nachfrage sagt: „Das Kronendach des Regenwalds.“ Aus dieser echten Begegnung mit der Welt entsteht eine echte Forschungsfrage. Ihre Arbeit landet am Ende in der Schulbibliothek. Andere Kinder greifen darauf zu. Fiona erlebt, dass ihr Lernen für andere relevant ist.

Das ist kein Sonderfall. Das ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn wir Offenheit ernst nehmen. Wenn Lernende die Richtung mitbestimmen dürfen. Wenn eine Frage kein Prüfungswerkzeug ist, sondern ein Ausdruck echter Neugier.

Die Question Formulation Technique, die Hirsch vorstellt, gibt dafür einen konkreten Rahmen: Fragen sammeln, unterscheiden, umformulieren, priorisieren, reflektieren. Kein Aufwand, großer Effekt.

Lernfreude braucht Offenheit. Und Offenheit entfaltet ihre volle Kraft nur, wenn sie geteilt wird. Damit sind wir bei der dritten Zutat.

Kollaboration — Jazzband statt Puzzle

Viele Lernformate funktionieren nach dem Puzzleprinzip: Jede Person hat ein Stück, am Ende fügt man zusammen, was vorher aufgeteilt wurde. Das ist kooperativ. Aber es ist nicht dasselbe wie kollaborativ.

Kollaboration im Sinne von Hirsch ist eher wie eine Jazzband: Niemand weiß beim ersten Ton, wo das Stück hinführt. Alle hören aufeinander. Was entsteht, hätte keine Einzelperson alleine schaffen können — und das ist genau der Punkt.

Gerade weil wir immer mehr mit Maschinen interagieren, wird menschliche Zusammenarbeit wertvoller, nicht überflüssiger. Die Fähigkeit, gemeinsam zu denken, aufeinander einzugehen, gemeinsam zu entscheiden — das ist der Bereich, in dem menschliches Lernen seinen größten Vorsprung hat.

Das Kapitel „Entscheidungsprozesse begleiten“ macht das erfahrbar. Hirsch zeigt unter anderem das Konzept des Konsents: Eine Entscheidung in der Gruppe muss nicht von allen aktiv befürwortet werden — sie kann getroffen werden, solange kein schwerwiegender Einwand besteht. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung: Er macht Gruppen handlungsfähig, ohne Einzelne zu übergehen.

Und er zeigt: Kollaboration ist eine Kompetenz, keine Charaktereigenschaft. Sie muss geübt werden. In echten Situationen, mit echten Entscheidungen — nicht in simulierten Gruppenaufgaben, bei denen das Ergebnis sowieso egal ist.

Lernen darf ein Abenteuer sein

Lernfreude, Offenheit, Kollaboration — drei Zutaten, die einzeln schon viel bewegen. Zusammen machen sie aus Lernen etwas, das sich lohnt. Nicht weil es immer leicht ist. Sondern weil es wirklich weiterführt.

Nele Hirschs Buch ist kein Rezeptbuch. Es ist eine Einladung, die eigene Haltung zum Lernen zu hinterfragen — und dann mutig neue Wege auszuprobieren. Genau das haben wir im Podcast getan.

Ich habe unsere Runde mit einem Satz abgeschlossen, den ich mir während der Lektüre notiert hatte: Freude am Lernen ist das Sahnehäubchen. Und das sollten wir uns wieder mehr bewusst machen.

Wenn du das Gespräch zwischen Angela Hamatschek, Katrin Zinke und mir hören möchtest — die Stellen, an denen wir uns einig waren, und die, an denen wir ins Diskutieren geraten sind — dann findest du die Episode hier: #126 – Lerngestaltung weiterdenken

Viel Freude beim Hören — und beim nächsten Lernabenteuer.

 

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