Ein junger Mensch läuft auf einen Spiegel zu, an dem die Nachricht „Nimm mich ab“ in pinkem Lippenstift steht. Das Telefon klingelt und… er bekommt den Schreck seines Lebens. Das kommt davon wenn die Designerin der Experience nicht mitbedenkt, dass die GenZ oftmals noch nie einem klingelnden Telefon (schon gar nicht einem mit Wählscheibe aus Bakelit) begegnet sind. In diesem Experience Design stecken genauso viel Emotionen und Lernen wie im Telefon selbst.
Am 11.4.2026 hatte mein erstes immersives Lerndesign Premiere im Rahmen einer Ausstellung. Es ist ein altes Telefon, das über einen Bewegungssensor ausgelöst wird. Wenn es klingelt, kann man den Hörer abnehmen und eine historische Originalnachricht von einem Anrufbeantworter. 7 Nachrichten habe ich aus circa 4 Stunden Original-Anrufbeantworterbändern von 1990 ausgewählt.
Alleine das Durchhören der Bänder war ein einziges Abenteuer. Denn manche der Nachrichten waren rein organisatorisch. Manche waren lustig und scherzhaft und manche waren Beleidigungen. Eine Wundertüte der Emotionen, die mir das in Audacity übers Schnittpult gelaufen ist. Die Nachrichten waren emotional Herausfordernd, aber das Projekt war auch auf der technischen Ebene nicht gerade wenig anspruchsvoll.
Die Technik dahinter
Da ich selbst technisch eher unbegabt bin, hatte ich dafür Hilfe von Marco Rosenthal. Innerhalb von ein paar Wochen hatte er das perfekte Setup raus. Man nehme einen Bewegungssensor, eine Fritzbox, ein Telefonkabel, ein Klinkenkabel und einen Raspberry Pi, und schon hat man ein funktionierendes System.
Gut, ganz so einfach war das natürlich nicht. Alleine das Telefon und alle Teile zusammenzutragen und zu testen, war ein kleines Abenteuer. Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich gefreut habe als ich das Wählscheibentelefon mit der Fritz Box hier zuhause zum klingeln gebracht hatte. Genauer kann ich euch das technische Setup aber nicht erklären. Ich vermittle aber gerne Anfragen dazu weiter
Der Kontext
Dieses Telefon, das klingelt wenn man sich nähert, ist teil einer größeren Ausstellung im Rahmen von 40 Jahren Vereinsgeschichte und steht noch bis zum 13.6.2026 im Kulturaggregat. Am 11.4. war die Vernissage und damit die öffentliche Premiere des Telefons. Und was soll ich sagen, es hat gar nicht mehr aufgehört zu klingen.
Ich habe tatsächlich niemanden gesehen, der nur eine Nachricht angehört hat. Die Verbindung von etwas greifbarem, wie dem Telefonhörer, und etwas schwer zu greifenden, wie die Lebensrealität in 1990, hat überzeugt. Es gab sogar Beschwerden, dass man es nicht nutzen kann, als wir es während der Reden ausgeschaltet haben (damit es nicht immer dazwischenklingelt).
Wer mochte, konnte davor oder danach, noch den einordnenden Text dazu lesen. Da das Telefon sofort klingelte, war es eher danach, was dazu führte, das die Content Warnung leider nicht gelesen wurde.
Dass das Telefon auf der Vernissage so ein Hit war macht mich stolz.
Aber wenn ich das ganze noch mal designen würde, würde ich ein paar Dinge anders machen:
Was würde ich heute anders machen:
- Einstieg in die Experience. Das klingelnde Telefon kommt für manche erschreckend überraschend.
- Eine Einordnung zum mitnehmen, in denen die einzelnen Audios noch einmal erklärt werden.
- Ein Token zum mitnehmen, um sich an die Erfahrung zu erinnern. Zum Beispiel ein Button.
- Besser sichtbare Content Warnungen, die nicht von der Neugier auf das klingelnde Telefon ausgehebelt werden.
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