Du kennst das klassische Erzählmuster: Held trifft auf Problem, Held kämpft gegen Problem, Held besiegt Problem. Drei Akte, ein Konflikt, ein Triumph. Klingt vertraut? Sollte es auch – das ist die narrative DNA, die uns in westlichen Kulturen von klein auf begleitet. Aber was, wenn ich dir sage, dass man in anderen Teilen der Welt Geschichten ganz anders erzählt? Beginnen wir mit Kishōtenketsu – einer japanischen Erzählstruktur, die uns zeigt, dass Konflikt nicht immer der Motor einer guten Geschichte sein muss.

Beim letzten Termin von „Prompt – Narrative Resistance“ hatten wir das Vergnügen vom einem Meister des Kishotenketsu die Struktur erklärt zu bekommen, Henry Lien. Schauen wir uns an, wie er die japanische 4-Akt-Struktur in seinem Buch die Struktur beschreibt. 

Die vier Akte: Wenn das Unsichtbare sichtbar wird

Kishōtenketsu folgt einer Vier-Akt-Struktur, die sich fundamental von unserem gewohnten Storytelling unterscheidet:

     

    Ein Beispiel: Spring, Summer, Asteroid, Bird

    Das Beispiel, dass Henry Lien in seinem Buch „Spring, Summer, Asteroid Bird“ erzählt, sieht folgendermaßen aus. 

    • Ki: Zwei Dinosaurier werden eingeführt. Einer frisst Fleisch, einer Pflanzen. Sie existieren, jeder für sich.
    • Sho: Sie existieren weiter und mögen sich nicht. Aber sie tun nichts dagegen. Das Leben geht seinen Gang.
    • Ten: Ein Asteroid trifft die Erde und löscht Futterquellen und Dinosaurier aus.
    • Ketsu: Der pflanzenfressende Dino überlebt – weil er als Vogel-Dinosaurier mit seinem Schnabel Samen fressen kann.

    Der scheinbare Nachteil wird zum Vorteil. Der Asteroid hat die unsichtbare Verbindung zwischen allen Elementen sichtbar gemacht. Nicht durch Kampf. Durch Zusammenhang.

     

    In einem westlichen 3-Akt-Narrativ würden die Dinosaurier den Asteroid bekämpfen, eine Crew losschicken, heroisch gegen die Katastrophe ankämpfen. Oder sie hätten sich gegenseitig vorher bekämpft. In Kishōtenketsu offenbart der Asteroid lediglich, was immer schon da war: die verborgenen Verbindungen zwischen allen Elementen der Geschichte. Es geht nicht um Triumph über andere. Es geht um das Erkennen der unsichtbaren Fäden, die alles miteinander verweben.

    Super Mario: Kishōtenketsu zum Spielen 

    Hier wird es richtig spannend: Nintendo hat Kishōtenketsu in Spielmechanik übersetzt! Jedes Level in Super Mario folgt der Vier-Akt-Struktur:

    • Ki: Du lernst einen neuen Skill (z.B. auf Feinde springen)
    • Sho: Du entwickelst den Skill weiter, übst ihn in sicherer Umgebung
    • Ten: Eine Herausforderung erscheint, die mit deinem Skill allein nicht zu bewältigen ist
    • Ketsu: Du entdeckst eine vierte, neue Art, deinen Skill zu nutzen, um das Level zu meistern

    Es ist kein Kampf gegen das Level. Es ist das Entdecken der unsichtbaren Verbindung zwischen deinen Fähigkeiten und der Umgebung.

     

    Die dritte Ebene: Lernen als Kishotenketsu

    Was Nintendo instinktiv verstanden hat, ist ein fundamentales Lernprinzip: Echtes Lernen entsteht nicht durch bloße Konfrontation mit Problemen, sondern durch das Entdecken von Zusammenhängen.

    Lass uns das aufschlüsseln:

    • Ki – Die Grundlage schaffen
      Du lernst etwas Neues. Einen Skill, ein Konzept, eine Technik. Sagen wir: Präsentieren vor Gruppen. Du verstehst die Basics: Struktur, Körpersprache, Stimmeinsatz.
    • Sho – Vertiefung in sicherer Umgebung
      Du übst. Vor dem Spiegel, vor Freunden, in kleinen Settings. Du entwickelst Routine, gewinnst Sicherheit. Der Skill wird vertrauter, aber bleibt in einem komfortablen Rahmen.
    • Ten – Der unerwartete Twist
      Plötzlich musst du vor einem kritischen Publikum präsentieren. Oder remote vor Kamera. Oder mit technischen Problemen. Dein gewohnter Skill allein reicht nicht mehr. Das ist der Moment, wo viele scheitern – weil sie versuchen, das Problem mit mehr vom Gleichen zu lösen (härter üben, lauter sprechen, mehr Folien).
    • Ketsu – Die unsichtbare Verbindung
      Aber dann entdeckst du: Deine Nervosität kann zu Authentizität werden. Die technische Panne zur Chance für Humor. Die kritischen Fragen zum echten Dialog. Du lernst nicht, „gegen“ die Herausforderung zu kämpfen – du entdeckst die verborgene Beziehung zwischen deinem Skill und der neuen Situation.

     Was bedeutet das für Storytelling im Lernen?

     

    • Ich gebe zu, früher hab ich Kund*innen, die keinen Konflikt in im Training zeigen wollte, gesagt, dass sie dann keine Story haben. Aber da habe ich mich geirrt. Kishotenketsu gibt uns die Möglichkeit Lernerfahrung ohne Feinde zu gestalten. Es geht nicht darum besser zu sein als andere, es geht darum mit den eigenen Skills Situationen zu lösen, die man vielleicht gar nicht so kommen sehen konnte. Also eigentlich ideal für unsere VUCA (BANI) Welt.

      Kurz gesagt:
      Westliches Storydesign: Problem → Lösung → Erfolg.
      Kishōtenketsu-Storydesign: Grundlage → Entwicklung → Disruption → Integration. 

    Die Disruption ist nicht der Feind – sie ist der Katalysator, der sichtbar macht, was schon immer da war.

    Manchmal ist die Geschichte nicht der Kampf. Manchmal ist die Geschichte das Entdecken, wie alles zusammenhängt. Und manchmal bist du einfach Chelsea – mit einem Schnabel, der dich retten wird, wenn der Asteroid kommt. Nicht jede Geschichte braucht einen Konflikt. Manchmal reicht es, die unsichtbaren Verbindungen sichtbar zu machen.

    Du möchtest lernen, wie du Lernerlebnisse wie dieses gestaltest?

     In meinen Workshops arbeiten wir mit konkreten Tools und Methoden, um aus abstrakten Möglichkeiten greifbare Handlungsschritte zu entwickeln. Lass uns gemeinsam an der Zukunft des Lernens arbeiten.